Bach-Feature


"Kunstreichtum, gründlich abgefragt"

Feature Dez00
  von Peter Uehling
Beinah jede monografische Veröffentlichung zum Bach-Jahr enthält auch ein Kapitel zur Rezeption des Werks.
Insgeheim fragt man sich jedoch bei der Lektüre dieser Bücher, ob es dereinst wohl jemanden geben wird, der über die Bach-Rezeption unserer Zeit etwas zu sagen wüsste.

Der Musikwissenschaft zumindest scheint daran gelegen zu sein, dem Problem der Subjektivität im Verstehen von Kunst soweit wie möglich aus dem Weg zu gehen, das heißt, sie beschäftigt sich, wenn nicht ohnehin nur mit der fragmentarischen überlieferung des Lebenslaufes, nur mit den äußersten Schichten der Musik, am besten mit den Autografen oder mit der oberflächlichen Vermessung der Kompositionen nach stilistischen, formalen oder motivischen Gesichtspunkten.

Der Leser also, der Fakten erfahren will, ist mit der Bach-Literatur dieses Jahres reich beschenkt. Auch Privatdetektive können vielleicht von den Spekulationen über die Motive von Bachs Handeln - warum geht er nach Köthen, warum streitet er sich mit dem Leipziger Rat? - für ihre Praxis profitieren. Wer sich jedoch Anregung, Anstoß, Anleitung zum musikalischen Denken erhofft, wird fast immer enttäuscht werden.

Das von Konrad Küster herausgegebene "Bach-Handbuch" zum Beispiel hat sich vorgenommen, das Gesamtwerk zu behandeln. Es ist mit rund 1000 zweispaltigen Seiten ein außerordentliches umfängliches Buch, angesichts seines Ehrgeizes jedoch ist es allzu schmal. Immer wieder gibt es zwischen den Werkbesprechungen kurze Teile, die Allgemeines zur Philologie oder zur Gattungsgeschichte - vorbildlich in Siegbert Rampes Ausführungen zum Clavierwerk - mitteilen, aber das Buch enthält nicht einmal 100 Seiten über größere Zusammenhänge: Ulrich Siegeles Text über Bachs "politisches Profil" ist dabei verglichen mit den schwach wiederkäuerischen Beiträgen über die Wandlungen des Aufführungsstils und Bachs theologische Positionen am interessantesten - wenn der Titel auch um einiges zu vollmundig ist: Siegele erklärt Bachs Schwierigkeiten in Leipzig damit, dass er zwischen zwei Fronten des Leipziger Rats geraten war, nämlich zwischen eine traditionalistische Partei, die vor allem einen Schulmann für das Thomaskantorat haben wollte, und eine von August dem Starken selbst eingesetzte Fraktion, die einen Kapellmeister zur glänzenden Repräsentation bevorzugte. Siegeles Text irritiert jedoch durch das völlige Fehlen von Zitaten, Belegen oder Verweisen: Die Literaturliste am Ende enthält nur Publikationen von Siegele selbst.

Und der Herausgeber Küster selbst unternimmt im zentralen Teil des Bach-Handbuchs den monumentalen Versuch, anhand der Kantaten eine Problemgeschichte des Komponierens zu konstruieren. Der Versuch scheitert einerseits daran, dass Küster zugleich eine Art Konzertführer anbieten will, also jede Kantate mit ein oder zwei Spalten würdigt, in dieser Kleingliedrigkeit jedoch die großen Linien nicht mehr wahrzunehmen sind, zweitens ist die Darstellung durch die Fülle des Materials zu einer nichtssagenden Knappheit und mangels Notenbeispielen zu einer Abstraktheit gezwungen, die den Text schwer lesbar und außerordentlich langweilig machen.

Zudem verzichtet Küster vollständig auf Deutungen, "denn erst, wenn die allgemeinen Elemente des Bach'schen Stils in der jeweiligen Phase definierbar erscheinen, lässt sich auch die Stellung der speziellen klären: etwa der Umgang mit Wortausdruck, Instrumenten-, Stimm- und Zahlensymbolik, der von der Stilentwicklung abhängig erscheint." Offenbar geht Küster davon aus, dass die vertonten Texte selbst keinen Einfluss auf die Musik nehmen, dass Bachs Stilentwicklung unabhängig davon verläuft, was es eigentlich gerade zu komponieren gibt. Dass sich Bachs Stellung zu den bedeutungstragenden Elementen im Lauf der Jahre verändert, darf angenommen werden, aber doch wohl nur in Auseinandersetzung mit ihnen, nicht, weil sich in der von Küster absolut gedachten Musik stilistisch etwas ändert. Grotesk dilettantische Beschreibungen musikalischer Sachverhalte - so wird die übermäßige Sext fes-d auf Seite 365 als "Sekunde" bezeichnet, das durch dieses Intervall bezeichnete harmonische Phänomen scheint, so legt es der weitere Text nahe, dem Autor unbekannt zu sein - nähren zudem den Zweifel an Küsters Kompetenz.

Arno Forchert widmet sich in seinem in der Reihe "Große Komponisten und ihre Zeit" des Laaber-Verlags erschienenen Band "Johann Sebastian Bach" demselben Thema auf nur 70 Seiten (statt 600 Spalten bei Küster), schlägt zugleich einen größeren Bogen, indem er auch Bachs Herkunft aus der Orgelmusik sowie den Einfluss der Konzertform Vivaldis berücksichtigt und erzielt eine wesentlich klarere Darstellung. Allerdings hätte auch hier eine größere Ausführlichkeit und reichere Ausstattung mit Notenbeispielen im Haupttext statt im Anhang nicht geschadet - dann hätte der weitgehend entbehrliche und in der Konzeption der Buchreihe eigentlich auch nicht vorgesehene biografische Abschnitt entfallen können.

Verglichen mit dem bei aller Fülle zu knappen "Bach-Handbuch" ist der Nutzwert des im Laaber-Verlag erschienenen, von vornherein bescheidener angelegten "Bach-Lexikons", herausgegeben von Michael Heinemann, deutlich höher, als Begleitbuch etwa zur Lektüre einer Biografie. Gewiss sind die Beiträge unterschiedlich gelungen, ausgerechnet zur Musik ist den Autoren nicht viel eingefallen - Clemens Kühns Artikel über "Harmonik" oder "Melodik" zum Beispiel beschränken sich auf Aufzählungen von Vorkommnissen, ohne den Versuch zu wagen, hinter den Phänomenen eine Konzeption zu vermuten, es sei denn die, das Bach alles zu seiner Zeit machbare auch einmal gemacht hat. Aber wer etwas erfahren will über die Menschen in Bachs Umkreis, Gattungen oder Instrumente, Forschungs- und Interpretationsansätze findet hier eine erste Orientierung.

Die Bach-Rezeption unserer Zeit wäre somit geprägt von viel Wissen und nur schwacher Ambition, dieses Wissen zu organisieren.
Exemplarisch verkörpert Martin Elstes Buch über "Meilensteine der Bach-Interpretation 1750 - 2000" diesen Zwiespalt. Der Titel ist in zweierlei Hinsicht unsinnig, erstens weil die musikalische Bach-Interpretation (denn um die geht es im Buch, nicht um das Bach-Bild beispielsweise Philipp Spittas, das ja auch eine Interpretation ist) erst mit der Erfindung der technischen Reproduktion greifbar wird, also für den größeren Teil des im Titel angegebenen Zeitraums gar keine zuverlässigen Aussagen zu machen sind, zweitens befasst sich Elste nicht etwa nur mit Meilensteinen, sondern mit nahezu allem, was auf Tonträgern greifbar ist. Und das muss er, weil er überhaupt keine Kriterien bereitstellt, was denn eine gute Bach-Interpretation auszeichnet. Gewiss ist das schwierig, zumal ja auch divergierende Ansätze ihre Berechtigung haben: Karl Richters Kantatenaufnahmen etwa zugunsten derer von Nikolaus Harnoncourt abzuwerten bedeutete eine dogmatische Verengung auf die historische Aufführungspraxis. Aber um beide adäquat würdigen zu können, bedarf es etwas weitergehender überlegungen als Elstes schlichter Gegenüberstellung des großen Bogens bei Richter und der artikulatorischen Lebendigkeit bei Harnoncourt.

Bleibt also als vielleicht einziger Autor, der sein Wissen in anregende Gedanken und streitbare Thesen umzusetzen vermag und zudem auch noch etwas zur Musik zu sagen weiß, Martin Geck und seine teils kompilierte, teils neu verfasste Essaysammlung "Denn alles findet bei Bach statt". Statt "das Ganze" in den Blick zu nehmen und sich damit zu überladen und zur Oberflächlichkeit zu verdammen, betrachtet Geck nur einige Aspekte, die aber gründlich. So gibt es ein die zum Dogma erstarrte Anschauung Bachs als orthodoxer Lutheraner herausforderndes Kapitel zum Thema "Bach und der Pietismus", das freilich weniger in Untersuchungen von Bachs Abendmahlsgewohnheiten oder seiner theologischen Bibliothek seinen Rückhalt findet als im schwärmerischen Charakter einiger Kantatensätze. Dabei betont Geck auch in anderen Kapiteln einen vernachlässigten Aspekt in Bachs Musik: Sie will nicht nur verstanden und auf ihren Kunstreichtum hin abgefragt, sondern zunächst soll sie ihrem Hörer zum Erlebnis werden.


Die Rechte an diesem Beitrag liegen beim Autor, bei dem wir uns an dieser Stelle noch einmal herzlich bedanken.

(zuerst erschienen in der Berliner Zeitung, 17.8.2000)