Bach-Feature Die Bachkantate Nr. 150 "Nach dir, Herr, verlanget mich" |
![]() |
|||||
| von Peter Uehling | ||||||
| Die Entstehungsgeschichte der Kantate BWV 150 "Nach dir, Herr, verlanget mich" liegt, wie die fast aller frühen Kantaten Bachs, im Dunkel, sogar Bachs Urheberschaft ist nicht unbedingt gesichert: Überliefert ist sie nur in einer nach Bachs Tod angefertigten Abschrift des Thomasschülers Christian Friedrich Penzel. Arnold Schering hat gegen die Aufnahme des Stücks in die alte Bach-Gesamtausgabe heftig gewettert und sehr detaillierte satztechnische Argumente ins Feld geführt, die es in der Tat schwer machen, die Kantate unter Bachs Werke zu rechnen.
Als Komposition Bachs wird die Partitur jedoch immerhin wahrscheinlich, wenn man die ambitionierte Gestaltung einiger Details betrachtet: Der Ehrgeiz, es besser, und das heißt hier vor allem: komplizierter, länger und gründlicher zu machen als seine Vorgänger, ist eine der wenigen Charaktereigenschaften Bachs, die man nicht bezweifeln kann, und die sich so bei seinen Zeitgenossen nicht findet. Extrem wirkt sogleich eine der drastischsten Wortausdeutungen des Stücks: Die über mehr als drei Oktaven durch die Stimmen geführte Tonleiter auf die Worte "Leite mich" im vierten Satz. Vergleichsweise weit schreitet die Harmonik aus - so klingt im ersten Chorsatz das von der Grundtonart h-Moll weit entfernte d-Moll an, aber genau so ungewöhnlich sind die Ausweichungen nach cis-Moll oder E-Dur, die sich gelegentlich finden.Das vorgeschriebene Fagott verdoppelt nicht nur die Baßstimme, sondern wird nicht selten selbständig geführt, um dem mit zwei Violinen und Generalbaß sparsam besetzten Ensemble zusätzlich Farbe zu geben, besonders im Terzett "Zedern müssen von den Winden", in dem vor allem die vom Wort "Winde" angeregte, virtuose Führung der Continuostimme in schnellen Akkordbrechungen auffällt. Und in der abschließenden Ciaconna, der Johannes Brahms das Baßthema für das Finale seiner vierten Symphonie entnahm, bringt Bach nicht nur das Kunststück fertig, einen fugierten Satz über dem ostinaten Baß anzubringen, sondern schafft zudem im Sinne einer korrespondierenden Form einen beinah sonatenmäßig anmutenden Repriseneffekt: Wenn sich das Stück bei dem Wort Freuden nach D-Dur wendet, erklingt eine Wechselnotenbewegung in den Oberstimmen, die dissonierend gegen den Baß gehalten wird - gegen Ende, wieder in der Grundtonart h-Moll angelangt, kehrt diese Bewegung auf das Wort "streiten" in den Unterstimmen wieder und kümmert sich wie zuvor nicht um die eigentlich harmonietragenden Baßtöne. Gerade aber diese ihrem Formsinn nach so modern anmutende Stelle ist satztechnisch geradezu altertümlich: Derart langsame, unharmonisierte Baßdurchgänge gibt es reichlich in der norddeutschen Orgelmusik vor Bach, in Bachs Werk sind sie in dieser Kantate einzigartig, wie überhaupt der Tonsatz erstaunliche Mängel von Ungeschicklichkeiten bis hin zu handfesten Fehlern (Quintparallelen) aufweist. Dieser stilistische Sachverhalt läßt es ausgeschlossen erscheinen, daß BWV 150 nach den handwerklich viel souveräneren Kantaten "Christ lag in Todesbanden" (in deren Satz sich freilich auch noch reichlich Orgelidiomatik nachweisen läßt) oder dem Actus tragicus, also nach 1707 entstanden sein soll. Die Unterschiede zu den Leipziger Kantaten könnten größer nicht sein: BWV 150 weist keine der Formen auf, die den Grundstock der späteren Werke bilden: Keine Rezitative, kein Choral, die Arien sind thematisch unverbindlich am Text entlang komponiert, allenfalls "Zedern müssen von den Winden" ist mit der raschen Continuobewegung auf ein ostinates Fundament gestellt, über dem sich eine liedhafte Melodie entfaltet. Die Chöre sind ebenfalls motettisch gereiht, oft fugiert, aber mit den späteren Konzeptionen nicht vergleichbar.Sollte das problematische Werk tatsächlich von Bach sein, so zeigt es als vermutlich erstes Vokalwerk überhaupt immerhin, daß auch dieser Komponist nicht alles auf Anhieb konnte. Die Bizarrerien jedoch bezeugen einen Ausdruckswillen, der auf satztechnische Gediegenheit zunächst wenig Wert legt.
|
||||||